„Kind, lerne was Ordentliches!“ – Annas Reise vom Workaholic im Konzern zur freiberuflichen Pilates-Trainerin

Zuletzt aktualisiert am 01/06/2024 |   geschrieben von Katja Smigerski
Katja Smigerski

Anna hat nach 30 Jahren ihren sicheren und gut bezahlten Vertriebs-Job im Konzern an den Nagel gehängt, um als „Pilates Anna“ voll und ganz ihrer Leidenschaft als Pilates-Trainerin nachzugehen. Ich freue mich riesig, dass sie in diesem inspirierenden Blog-Interview ihre Geschichte teilt: Von der anfänglichen Skepsis über die Überzeugungen ihres Elternhauses, die sie geprägt haben, bis hin zur Rolle von Freiheit und Selbstreflexion auf dem Weg ihrer beruflichen Veränderung. Tauche ein in eine Geschichte voller Mut, Selbstreflexion und Freude am Neuen.

Der folgende Text ist eine gekürzte Version des Gesprächs zwischen Anna und mir. Die volle Länge des Interviews kannst du dir auf Youtube anhören (ist eine Audio-Aufnahme, wie ein Podcast). Es lohnt sich – ich hätte Anna noch Stunden zuhören können, wie sie ihre Geschichte erzählt 🙂

Erstmal was Ordentliches: Der Vertriebs-Job im Konzern

Liebe Anna, du bist heute Pilates-Trainerin, aber das war nicht immer so. Wie hat sich diese Leidenschaft entwickelt?

Anna: Ich mache das heute mit totaler Leidenschaft und es gibt tatsächlich für mich nichts Wichtigeres. Aber das war nicht immer so. Zu Beginn war es für mich quasi eine Strafe, Pilates-Unterricht geben zu müssen.

Ich habe früher fast alles, was es im Kursbereich gibt, gemacht, zum Beispiel Langhantel-Training, Fatburner und Stepaerobic. Aber diese ruhigen Sachen – das war für mich kein Sport. Ich war erst zufrieden, wenn ich mit hängender Zunge den Kursraum verlassen habe.

Vor etwa 10, 15 Jahren sprach mich dann eine Studioleiterin an und sagte: „Anna, du müsstest mal eine Vertretungsstunde machen. Wir haben hier einen Engpass.“ und ich so „Oh nein, Pilates!“ Es war für mich wirklich die höchste Strafe, Pilates machen zu müssen.

Es hat ein paar Lebensereignisse gebraucht, um zu verstehen, was da eigentlich für eine Magie dahintersteckt. Das war eine Transformation für sich!

Spannend! Umso interessanter ist die Frage, wie es dann überhaupt dazu kam, dass du das heute hauptberuflich machst. Du warst ja sehr lange anderweitig tätig. Was war 30 Jahre lang dein Hauptberuf?

Meine Mutter kommt aus dem Leistungssport und ich bin in einer Sportlerfamilie groß geworden. Sie sagte immer zu mir: „Kind, lerne was Ordentliches! Denn in diesen künstlerischen, sportlichen Sachen, da musst du gnadenlos gut sein und immer zu den Besten gehören, damit du nicht untergehst. Ansonsten wirst du dort leiden."

Sie hat das fürsorglich gemeint. Dem bin ich gefolgt und der Zufall brachte mich in eine ganz normale kaufmännische Ausbildung, eine Fachberaterausbildung. So bin ich in einem IT-Großkonzern gelandet und habe dort vertriebliche, kaufmännische Dinge getan. Ich habe Kunden beraten und betreut, eben typische Konzernarbeit geleistet. Bis vor einem halben Jahr noch, also das ist noch ganz frisch.

Und das hast du fast 30 Jahre lang gemacht. Hattest du Freude dabei?

Ich habe das durchaus gerne gemacht. Ich habe Anfang 20 damit gestartet und in der Regel mehr als 40 Stunden in der Woche gearbeitet, weil ich meinen Job gut machen wollte. Ich gehörte eher zu den Workaholics, die alles gegeben haben und auch 50 oder 60 Stunden unterwegs waren.

Das mit der Freude und dem Spaß ist in dem Moment gekippt, als ich meinen Mann im Unternehmen kennenlernte und er dann aber ausgestiegen ist. Plötzlich drehte sich die Welt nicht mehr immer nur um dieses Unternehmen. In unserem privaten Umfeld gab es andere Dinge.

Das war für mich ein Wachrütteln und ich merkte: Okay, es gibt noch ein Leben außerhalb dieses IT-Unternehmens. Seither, und das ist jetzt 10 Jahre her, ist der Prozess in mir gereift, also der Gedanke, dass der Job eigentlich nicht das ist, was ich will.

Du hast ja lange nebenberuflich als Fitness-Trainerin gearbeitet. Hast du damit in dieser Zeit, also vor 10 Jahren gestartet, oder war das unabhängig von diesem Reifeprozess?

Damit habe ich schon in der Abiturzeit angefangen. Meine Mutter sagte: „Diese sportlichen Sachen, die kannst du immer nebenbei als Hobby machen. Dann kann dir das kein Mensch wegnehmen.“ Also habe ich genau das gemacht und sogar schon in diesen letzten Schuljahren eine Aerobic-Trainerausbildung gemacht und meine ersten Kurse gegeben.

Da meine Mutter eine Ballettschule hatte, hat sie die Kinder betreut und ich machte mit den Mamis Aerobic. Mein Hobby war, mit anderen Menschen Sport zu machen. Für mich stand überhaupt nicht zur Debatte, dass der Sport irgendwann einen größeren Schwerpunkt bekommen sollte.

Ich dachte mir immer, dass ich mit meinem Hobby wenigstens Geld verdiene: Andere gehen ins Fitnessstudio und müssen bezahlen, und ich gehe ins Fitnessstudio und bekomme dafür ein paar Euro. So war meine Einstellung. Ich habe das niemals als Beruf betrachtet.

Zitat Anna dazu, wieso sie Pilates lange als Hobby nebebei machte.

Der Einstieg in die Freiberuflichkeit neben dem Vollzeitjob

Wann kam der Wandel, also dass du es überhaupt in Betracht gezogen hast, den Sport zum Hauptberuf zu machen?

Das änderte sich erst so vor 5, 6 Jahren. Ich war genervt davon, wie die Fitnessstudios agierten. Dann sagte ein Kollege im Konzern zu mir: „Miete dir einen Raum, du brauchst die doch gar nicht!“ Und es dauerte keine 48 Stunden, bis eine Facebook-Anzeige draußen hatte: „Suche Raum für Kurse.“

Zu dem Zeitpunkt war ich schon auf dem Trip für Pilates-Kurse. Tatsächlich meldete sich ein Karnevals-Vereinsheim. Nach 2, 3 Wochen war alles geregelt und ich mietete abends für zwei Stunden diesen Raum.

Dann habe ich gedacht: Okay, jetzt brauchst du noch Teilnehmer. Die Leute aus den Fitnessstudios abzuwerben, ging nicht. Ich bastelte mir also ein paar Flyer am Rechner, druckte sie aus und schnitt sie zu – so richtig mit der Hand. Verteilte ein paar davon im Umfeld des Vereinsheims und schon meldeten sich die Ersten.

Das war quasi der Einstieg und ich wurde Freiberuflerin. Ich fing an, unternehmerisch zu denken und unternehmerisch zu handeln – aber es war immer noch Spaß und Freude nebenbei.

Erst mit Corona fing es an, dass ich spürte: Jetzt will ich das richtig machen. Das war der Schlüsselmoment, der Impuls, um den nächsten Schritt zu gehen.

Interessant! Ja, Corona war für die einen total der Horror und für andere, auch für mich, der Katalysator für neue Entwicklungen. Was ich so raushöre, ist vor allem, dass du gar nicht so viel über die Dinge nachgedacht hast. Du hast einfach gemacht und ausprobiert. 

Dadurch hattest du für dich gar nicht so den Druck, dass das jetzt dein neuer Job werden muss, in der Zeit, als du die Flyer gemacht und den Raum angemietet hast. Also nicht gleich zu denken: „Das muss jetzt sofort mein nächster Schritt sein!“, sondern einfach mal gucken, wie es läuft. Das ist eine gute Möglichkeit, mal was anzutesten.

Ja, ein wichtiger Faktor bei einer größeren beruflichen Veränderung ist die Frage, ob ich finanziell abgesichert bin. Also, ob ich den Druck habe, gleich Geld verdienen zu müssen. Das ist ein Riesenunterschied. Wenn diese Not nicht besteht, funktionieren die Dinge von alleine.

Dann hast du diese innere Freiheit und ohne Druck entsteht etwas. Du hast auch mal Mut, etwas zu probieren und denkst „Guck mal, es könnte gut werden!“ Die Kunst liegt wahrscheinlich auch darin, irgendwie zu schaffen, sich selbst den Druck zu nehmen.

Als ich vor wenigen Monaten in die Vollselbstständigkeit gestartet bin, habe ich das sofort gemerkt. In dem Moment, als ich den Aufhebungsvertrag unterschrieben habe und mir sagte: „Ich lege jetzt den Schalter wirklich um“, fing ich schon an, mir selbst Druck zu machen. „O Gott, reicht das auch? Klappt das auch? Ist das genug?“

Es hatte sich nichts verändert an meinem Können, an meiner Kompetenz. Aber man fängt sofort an, sich Druck zu machen, wenn der volle Fokus auf dem Neuen liegt. Erstmal zu begreifen, dass diese Gedanken nicht notwendig sind, das ist das eine. Was aber im Kopf passiert, also sich den Druck wirklich nicht zu machen, das ist eine große Kunst.

Spannend, was du da sagst. Denn wenn man mit dem Gedanken spielt, beruflich etwas anders zu machen, kommt schnell das Thema der finanziellen Sicherheit auf. Und damit die Frage „Wie kann ich den Übergang gestalten oder überhaupt etwas anderes entwickeln, ohne auf der Straße zu sitzen?“ Eine Horrorvorstellung, die viele haben.  

Es ist also eine schöne Möglichkeit, erstmal zu sagen: Okay, ich bleibe noch eine Weile in meinem jetzigen Job, aber ich teste mal ganz unverbindlich neue Optionen aus. Dann ist nicht gleich dieser Druck da.

Genau! Aber da ist noch ein Aspekt: Viele denken gerade bei der Selbstständigkeit „O Gott, diese Unsicherheit!“ Überleg mal: Ich war fast 30 Jahre in diesem Konzern, ich hätte da bis zur Rente ein richtig gutes Gehalt gehabt. Und wenn ich mal krank war, war ich eben krank. Also, warum sollte ich mich jetzt in diese Unsicherheit begeben?

Was ich aber gelernt habe: Ein Angestelltenjob ist deswegen nicht sicher. Ich kenne unfassbar viele, die immer wieder von der Insolvenz oder Umstrukturierungen ihres Unternehmens betroffen waren und dadurch ihren Job verloren haben. Ein Angestelltenjob ist also nicht unbedingt sicher.

Hingegen kann eine Selbstständigkeit unglaublich sicher sein. Mein Bruder ist ein gutes Beispiel. Er kennt das gar nicht anders. Er ist immer für drei, vier Tage angestellt und dann quasi wieder arbeitslos. Ich habe immer zu ihm gesagt „Oh mein Gott, was ist das denn? Dann hast du immer für drei Tage eine Sozialversicherung und für drei Tage nicht!“ Aber er sagte, das funktioniert hervorragend. Er sei sicherer in seinem Umfeld als tausend andere.

Da sind wir wieder beim Mindset: Den Druck machen wir uns selbst. Wir glauben daran, dass das eine sicher ist und das andere, also in meinem Fall die Selbstständigkeit, nicht. Natürlich, es ist ein anderes Gefühl. Das spüre ich jetzt schon.

Es ist ein Unterschied, ob du weißt, dass am Monatsende ein Gehaltseingang kommt. Oder ob, wie das jetzt der Fall ist, jeden Tag mal ein bisschen Umsatz kommt. Mal mehr, mal weniger. Da muss man sich erst mal dran gewöhnen, das ist total komisch. Du weißt am Anfang des Monats noch nicht so richtig, wie viel es am Ende wird. Ein bisschen Urvertrauen gehört also dazu.

Dieser nebenberufliche Einstieg ist also genial. Ich habe das mit einem Vollzeitjob nebenbei gemacht. Oder man geht auf Teilzeit und macht halbe, halbe. Das ist das Beste, was einem passieren kann.

Das Gefühl von Freiheit als innerer Antrieb

Wow, du sagst gerade, du hast das nebenbei während einem Vollzeitjob gemacht. Und gleichzeitig hast du gerne mal 50, 60 Stunden pro Woche gearbeitet. Wie kann ich mir das vorstellen? Was hat dich da bei der Stange gehalten?

Das eine ist Motivation: Ich hatte einfach Spaß daran. Und umso mehr die Zeit vorangeschritten ist und umso weniger Freude ich an meinem Hauptjob hatte, umso mehr wurden daraus nur noch die braven 40 Stunden. Im Laufe der Zeit nur noch 36 Stunden. Ich reduzierte es auf das Minimum, weil es einfach nur noch ein Job war.

Wenn aber etwas Freude macht und du es mit Überzeugung tust, fühlt es sich nicht mehr nach Arbeit an. Dann ist das dein Tagesinhalt. Du willst gar nichts anderes machen, als dich damit zu beschäftigen. So war oder ist das bei meiner Arbeit als Trainerin.

Es ist ein Gefühl von Freiheit, dass ich mich mit Dingen beschäftige, an denen ich Freude habe. Da schaue ich nicht auf die Uhr.

Du hast gerade von einem gewissen Freiheitsgefühl gesprochen. In unserem Vorgespräch hattest du auch erwähnt, dass der Wert Unabhängigkeit für dich sehr wichtig ist. Waren dir diese Werte und ihre Bedeutung schon immer so bewusst?

Nein, definitiv nicht. Vor allem, weil ich immer glaubte, ich wäre schon total frei und unabhängig mit dem Job, den ich hatte. Man muss dazu sagen: Ich hatte keinen 9-to-5-Job. Ich musste in den 30 Jahren nie einen Stundenzettel ausfüllen.

Wir waren im Vertrieb ergebnisorientiert: Man muss so und so viel Umsatz bringen. Wenn du das schaffst, fragt dich kein Mensch danach, ob du dafür 20 Stunden oder 80 Stunden gebraucht hast. Ich hatte auch einen Firmenwagen, den ich privat nutzen konnte.

Ich fing erst an zu spüren, dass Freiheit eigentlich noch etwas ganz anderes bedeutet, als ich durch Corona mehr in die Selbstständigkeit reinschnupperte. Da habe ich gemerkt, dass ich alles andere als frei bin: Im Konzern wird dir vorgegeben, wie du deinen Job zu machen hast.

Ich habe viele Aufgaben gemacht, die ich persönlich als unnütz empfand und bei denen ich mich fragte: „Warum soll ich das jetzt schon wieder machen? Wir wissen doch, dass das nichts bringt! Wir machen das seit 20 Jahren immer wieder und es hat gar keinen Sinn.“ Das kennen sicher viele.

Heute, in der Selbstständigkeit, entscheide ich, was die Dinge sind, die ich mache. Natürlich muss ich auch Sachen tun, auf die ich nicht immer Lust habe. Die machen mir dann vielleicht nicht zu 100 Prozent Spaß, aber ich sehe den Sinn.

Der nächste Schritt zur Freiheit und zur Unabhängigkeit ist für mich, sowohl zeit- als auch ortsunabhängig zu werden. Ich bin eine leidenschaftliche Wohnmobilreisende und ich fand es schon immer toll, wenn mein Mann zu mir sagte: „Guck mal, das Wetter ist der Hammer. Lass uns doch ein paar Tage nach Holland fahren.“

Früher sagte ich, ich habe Termine und einen Job, das geht nicht. Wenn man Meetings hat und im Büro erscheinen muss, kann man nicht einfach abhauen. Aber wie schön ist es, wenn es geht?! Wenn man den Morgenspaziergang am Strand macht und dann einfach sagt: Ich setze mich jetzt dorthin und mache noch ein paar Dinge, die ich erledigen muss. Und ich entscheide, wo meine Arbeitsumgebung ist.

Das bedeutet nicht, dass ich heute weniger arbeite als vorher. Aber es fühlt sich komplett anders an, das selbst zu entscheiden. Und dadurch fange ich an zu verstehen, was Freiheit wirklich ist.

Freiheit ist, dass ich entscheide.

Dein Verständnis von Freiheit hat sich also immer mehr konkretisiert. Würdest du heute sagen, Freiheit ist wie ein Leitstern für dich, zu dem du dich hin entwickelst – seit dir das bewusst ist?

Absolut! Ich gebe Präsenzkurse oder Online-Kurse, für dich ich feste Termine habe, keine Frage. Aber ich könnte entscheiden, dass die Kurse heute nicht stattfinden. Ob ich das entscheiden will, ist was ganz anderes. Aber ich könnte es. Keiner zwingt mich dazu. Ich bin schon jetzt dadurch zeitunabhängig, dass ich frei entscheide, wann ich was tue.

Es ist mein Ziel, noch ortsunabhängiger zu werden. Ein kleiner Schritt ist für mich ist zum Beispiel, dass ich meine festen Termine, bei denen ich lokal gebunden bin, nur von Dienstag bis Donnerstag lege. So bin ich die anderen vier Tage in der Woche schon ortsunabhängig.

Das sind die Schritte, die ganz weit oben stehen auf meiner Agenda. Und diese Unabhängigkeit wird dann zu Freiheit.

Das klingt nach Klarheit. Also, dass du weißt: In diese Richtung strebe ich und diese Schritte führen entsprechend dahin. 

Ja, wobei: Es ist meist so eine unbewusste Klarheit. Denn ich habe keine Ahnung, wo es mich hinbringen wird. Ich habe ein Urvertrauen, dass es schon gut wird.

Klarheit also in dem Sinne: Ja, es wird was mit Pilates zu tun haben. Es wird sportlich sein und es wird so sein, dass ich auf mich und meine Seele ganz viel achten möchte.

Die Rolle von (Selbst-)Vertrauen, und: Was kann schlimmstenfalls passieren?

Du sprichst immer wieder das Thema Vertrauen an. Also, das Vertrauen, dass alles gut gehen wird. Hattest du das schon immer oder hat sich das durch bestimmte Ereignisse entwickelt? 

Ich bin vom Prinzip her ein sehr positiv denkender Mensch. Das ist eine gewisse Basis, dass ich mehr die positiven Sachen sehe als die negativen. Und dass ich ein Mensch bin, der nach Lösungen sucht. Ich sage mir immer: „Ja, irgendwas wird kommen.

Ich bin nicht so gläubig, dass mich da irgendein Schicksal leitet. Es ist mehr ein Urvertrauen. Auch wenn meine Mutter sagte, dass ich erstmal was Ordentliches lernen soll, war auch ihr Spruch: „Kind, wenn alle Stricke reißen, gibt es bei mir immer einen Teller Suppe.“ Das ist schön und etwas, was Halt gibt. Sie unterstützt mich total in dem, was ich tue.

Ich frage mich auch immer: Was kann im schlimmsten Fall passieren? Es könnte sein, dass die Kosten für das Pilates Studio, was ich jetzt eröffnen möchte, zu hoch sind. Okay, was würde das bedeuten? Ich muss vielleicht einen Kredit aufnehmen. Ich muss vielleicht dieses oder jenes tun. Vielleicht muss ich auch nochmal einen Job annehmen. Irgendwas, um einfach Geld reinzubekommen. Oder was auch immer.

All diese Szenarien wären zwar nicht schön, aber sie werden mich nicht umbringen. Klar ist immer ein Risiko da. Aber das Risiko kann ich auch bei einem angestellten Job haben, wenn ich auf die falsche Firma setze, auf den falschen Job, auf den falschen Chef, auf die falschen Kollegen. Da weiß ich auch nicht, was ich bekomme, wenn ich neu anfange.

Da hast du schon eine gute Portion Vertrauen von deiner Mutter mitbekommen. 

Absolut.

Was hat dazu geführt, den Schalter der Veränderung umzulegen?

Du sagtest, Corona war für dich der Anstoß, deinen Nebenjob zum Hauptberuf zu machen. Was gab den Ausschlag, dass du wirklich irgendwann gesagt hast: Jetzt ist der Moment da? War es einfach die Corona-Situation an sich, die Erkenntnis, dass du doch nicht so frei bist, wie du dachtest, oder etwas anderes?

Da waren zwei Faktoren wichtig: Das eine ist, dass meine Unternehmerschaft angefangen hat zu wachsen. Durch Corona waren wir alle mehr zu Hause und Online-Training bekam mehr Bedeutung. Ich habe das ausprobiert und es hat funktioniert. Das war ein positiver Schub. Der allein hätte aber wahrscheinlich noch nicht dafür gesorgt, dass ich den Schalter umlege.

Auf der anderen Seite wurde der Leidensdruck im Hauptjob immer größer – im Laufe der letzten Jahre sogar so unerträglich, dass ich wirklich dachte, ich muss da raus. Unerträglich im Sinne von, dass ich den (nicht vorhandenen) Sinn dieser vielen Aufgaben nicht mehr tragen konnte. Ich stand nicht mehr dahinter. Ich stand nicht mehr hinter dem Unternehmen. Es wurde zu einer Qual, montagsmorgens starten zu müssen.

Dann veränderten sich im Unternehmen Strukturen und aus meiner eigenen, persönlichen Perspektive wurden die Rahmenbedingungen schlimmer. Es war wie ein Fass, das vollläuft.

Im letzten Sommer stellte sich heraus, dass mein Chef und mein Chefchef bestimmte Menschen sein sollten. Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brauchte. Ich suchte nach einer Chance und sagte mir: Jetzt wach bleiben, nicht einigeln, leiden und jammern, dass das alles so furchtbar ist.

Gar nicht so einfach: Nach 29 Jahren willst du nicht einfach kündigen, sondern vielleicht auch einen Aufhebungsvertrag haben oder sowas. Also brauchte ich einen Plan und ich suchte nach Gelegenheiten.

Die Gelegenheit war dann die, dass wieder Umstrukturierungen anstanden, aber nicht in meinem direkten Bereich. Das heißt, es gab überall Aufhebungsverträge und Angebote, nur nicht für mich. Das war ganz großes Kino und ich habe alle Hebel in Bewegung gesetzt, damit ich trotzdem auch ein Angebot bekomme.

Ich glaube, wenn es das nicht gegeben hätte, hätte ich mich lange krankschreiben lassen. Vielleicht hätte ich auch tatsächlich selbst gekündigt, denn das Fass war voll.

Das ist der Klassiker: Wenn der Leidensdruck groß ist, dann bewegen wir uns. Wobei, wenn ich es richtig rausgehört habe, hattest du auch schon ein konkretes Ziel vor Augen, oder?

Ja, die Selbstständigkeit oder dieses Unternehmertum, auch wenn es noch ein Keimling war. Jetzt ist es ein Pflänzchen, das eingepflanzt wird. Mal gucken, ob es angeht. Aber dieser Steckling, dieses kleine Etwas, war da. Ich konnte das für mich nutzen.

Jetzt setze ich dieses kleine Pflänzchen in die beste Erde, die sie kriegen kann, mit dem besten Wasser, dem besten Platz und dem besten Umfeld auf dem Beet.

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Über Austausch und gute Fragen als große Stütze auf dem Weg

Du warst fast 30 Jahre in deinem Angestelltenjob, bevor du gesprungen bist. Da hat man sich gut eingerichtet, es ist eine Komfortzone. Gab es gewisse Dinge, innerlich, äußerlich, die dich auf dem Weg der Veränderung unterstützt haben?

Definitiv. Meine Familie und mein Partner, das sind natürlich klassische Punkte, die sehr wichtig waren und sind. Da reichen ein, zwei nahe Menschen, bei denen du weißt: Wenn alle Stricke reißen, kannst du dort hingehen. Das ist ein wichtiger Punkt.

Und weil ich ja nun mal dieses Pflänzchen schon angefangen habe zu züchten, habe ich mich auch mit anderen ausgetauscht. Sie waren nicht unbedingt in ähnlichen Situationen, aber auch Selbstständige, manche am Anfang, manche am Ende. Ich wollte zum Beispiel meine Webseite ordentlich aufbauen, also unterhielt ich mich mit Menschen, die auch eine Webseite aufbauen. Immer zu den Themen, mit denen ich mich beschäftigt habe.

Dadurch kommen Impulse und Vernetzungen, die du für dich mitnehmen kannst. Oder du lässt dich coachen. Letzten Endes sind es genau diese Stellen, die dir wichtige Impulse geben, die dich wachsen lassen. Für mich waren das vor allem die unfassbar vielen Reflexionsfragen.

Ich fand es immer toll, wenn mir Menschen Fragen gestellt haben und die machten was mit mir. Diese Fragen kamen meistens über CoachingAlso die wirklich wertigen, tiefgründigen Fragen, die dann auch in mir arbeiteten.

Das heißt nicht, dass andere Menschen nicht auch mal eine gute Frage stellen können, z. B.: Warum machst du das jetzt eigentlich? Warum machst du das denn überhaupt? So ganz banale Fragen. Wenn man wirklich bereit ist zu sagen: „Okay, ich suche jetzt eine Antwort darauf“, dann bringen einen diese Antworten unglaublich weiter.

Und ganz klar: Wichtig ist – und das ist jetzt nicht nur, weil ich es liebe – Sport und Bewegung. Das war bei mir schon immer so, beim Abi, in der Ausbildung oder Studium: Wenn andere gesagt haben, sie müssen noch lernen, oder sie können nicht mehr und legen sich auf die Couch, bin ich immer in den Sport, in die Bewegung gegangen. Das reduziert den Stresspegel, erdet das Mindset und versorgt das Hirn wieder mit Sauerstoff.

Wenn ich laufen war, dann komme ich nach Hause und habe Ideen. Dann ist alles gut. Und beim Pilates ist das mittlerweile ähnlich. Wenn ich von meinen eigenen Kursen komme, und da bin ich sogar Trainer und nicht mal die Mitmachende, dann bin ich wieder geerdet.

Es sind noch 20 Jahre: Jedes Alter hat seine Vorzüge

Danke dir, das sind super Impulse! Was für viele oft ein schwieriges Thema ist, ist das Alter. Wie alt warst du oder bist du jetzt beim Wechsel in die Vollselbständigkeit, wenn ich das fragen darf – und war das Alter jemals ein Thema für dich? 

Ich bin gerade 47 geworden und habe vor zwei, drei Monaten den Aufhebungsvertrag unterschrieben. Ich habe nicht eine Sekunde über mein Alter nachgedacht – auch nicht, wenn ich immer mal gefragt werde: „Mein Gott, bist du dafür nicht zu alt?“ Warum sollte ich dafür zu alt sein? Gib mir einen guten Grund!

Ich denke aber auch sonst in meinem Alltag nicht über mein Alter nach. Ich fühle mich so, wie ich mich fühle und entweder ich fühle mich heute mal verdammt alt, weil ich vielleicht schlecht geschlafen habe, oder ich fühle mich gut und dann ist das subjektive Alter für mich was ganz anderes als auf dem Papier.

Ich hoffe, dass keiner irgendwann mal auf die Idee kommt, den Menschen ab einem bestimmten Alter zu verbieten zu arbeiten. Ich bin nicht in dem Modus zu sagen: Okay, wie viele Jahre hast du denn jetzt noch bis zur Rente? Das ist keine Größe, die in meinem Hirn irgendeine Rolle spielt.

Und es sind noch 20 Jahre bis zur gesetzlichen Rente, muss man ja auch echt sagen. Selbst wenn ich Anfang 50 wäre, sind es immer noch viele Jahre. Ich habe in meinem Umfeld Menschen, die sind über 70 und verändern gerade ihr Geschäftsmodell. Sehr cool.

Aus meiner Sicht beschränkt uns die Gesellschaft: Mit über 65 sollte man nicht mehr Auto fahren und mit Mitte 50 kriegst du keinen Job mehr, weil du angeblich nicht mehr so flexibel und mobil bist. Allerdings hast du dafür viel Erfahrung und die kann dir keiner nehmen. Jedes Alter hat seine Vorzüge, weshalb es für mich keine Relevanz hat.

Im Gegenteil: Ich habe mich letztes Jahr in einem Studium immatrikuliert und bin da nicht die Älteste. Auch das Hirn und die mentale Einstellung möchten trainiert werden. Wenn du dich selbst limitierst, wird das im Außen auch so stattfinden. Selbst wenn ich jetzt in einem anderen Anstellungsverhältnis wäre, würde ich sagen: „Ey sorry, wollt ihr meine Expertise, oder wollt ihr sie nicht?“

Wann bin ich denn also gut vermittelbar? Ich bin es mit Anfang 20 nicht, weil da habe ich ja noch keine Ahnung. Ich brauche also noch ein bisschen Reife. Ich bin es mit Mitte, Ende 20 nicht, weil dann könnte ich ja schwanger werden. Dann bin ich es mit Mitte, Ende 30 auch nicht mehr, weil ich in der Midlife-Crisis stecke. Und mit um die 50, mit den Wechseljahren, da will man ja auch niemanden mehr gebrauchen können.

Wie alt wir alle werden, weiß kein Mensch. Ich will mein Leben jetzt genießen. Deswegen gestalte ich es einfach so, wie ich es haben will.

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Abbildung Leitfaden Job mit Sinn


Der Sinn: Anderen Menschen etwas Gutes zu tun

Was macht für dich deinen Job als Pilates-Trainerin sinnvoll? 

Aus meiner Sicht sind es immer zwei Dinge: Der Sinn für mich ganz persönlich und der Sinn für die Welt. Was ist meine Berufung? Wofür bin ich hier? Auch da haben mich Reflexionsfragen irgendwann mal hingebracht: Was willst du eigentlich erreichen? Warum machst du das alles?

Sinn machen für mich Dinge, an denen ich Freude habe, bei denen es mir gut geht und bei denen ich mich in meinem Stil ausleben kann. Ob ich jetzt ein Morgenmensch bin, ein Abendmensch, ein Naturmensch, ein Stadtmensch, völlig egal. Dass ich die Dinge so gestalten kann, wie ich sie möchte, das macht für mich Sinn.

Der inhaltliche Sinn meiner Arbeit ist am Ende des Tages der, anderen Menschen etwas Gutes zu tun: Sie fühlen sich besser. Das ist das, was ich im Pilates-Training als meinen Sinn betrachte: Wenn die Teilnehmer aus dem Kurs gehen und sagen: „Mensch Anna, mir geht es jetzt viel, viel besser als vor einer Stunde!“ Dann bin ich glücklich.

Ich habe damit nicht die Welt verändert. Ich habe damit nicht Kriege gelöst oder sowas. Aber ich habe so ganz kleine Dinge getan, bei denen die Menschen sagen, das war gut, dass du das gemacht hast. Und dann ergibt es für mich aus weltlicher Sicht, ja, aus dem Großen und Ganzen, einen Sinn.

Aus meiner Sicht kann selbst ein Buchhalter etwas Gutes tun, indem er einem anderen Menschen, der es nicht begreift, wie es geht oder sich damit nicht beschäftigen will, weiterhilft. In sozialen Jobs ist es immer recht einfach zu greifen: In jeder Kita kümmere ich mich um Kinder.

Aber auch die Verkäuferin an der Kasse tut am Ende des Tages etwas Gutes, indem sie mich durchleitet, wenn ich mich beschwere, warum der Flaschenautomat nicht funktioniert. Sie beruhigt mich, damit ich mich wieder auf meinen Einkauf konzentrieren kann. Irgendwas Gutes kann also jeder tun, auf seine Weise.  

Sehr schön ausgeführt, das trifft auch vollkommen meine Überzeugung und Vision: Dass es für wirklich jeden einen Platz gibt. Ich glaube daran: Wenn jeder sich dessen bewusst ist, was er liebt, was er gerne tut und das zum Ausdruck bringt – damit tut man automatisch etwas Gutes für die Welt.

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Das Erste ist, wirklich an sich selbst zu glauben: Glaube und vertraue dir, dass da was geht. Wenn das von innen heraus, aus deiner eigenen Seele kommt, wird es immer irgendwie weitergehen.

Und dann, dass du den Fokus auf dich selbst behältst: Was möchte ich eigentlich? Was ist mir wichtig? Was genieße ich? Also, nicht die anderen für dein Glück verantwortlich zu machen, sondern dein Leben selbst zu gestalten. Sich selbst reflektieren: Was ist mir eigentlich wichtig? Welche Werte sind mir wichtig? Was will ich eigentlich im Leben? Warum mache ich das? Warum bin ich da?

Diese Selbstreflexion, finde ich persönlich, hört auch niemals auf. Da kommen Antworten, die den Mut für den nächsten Schritt liefern und dann findest du wieder Selbstvertrauen. Du kannst mehr gestalten und das Ganze ergibt einen wunderbaren Kreislauf. Ich glaube, das sind so die Sachen, die ich da für ganz wichtig halten würde.

Liebe Anna, ich finde deinen Weg sehr inspirierend und ich bin sicher, dass die Leser:innen daraus viele Impulse mitnehmen können. Ganz herzlichen Dank für deine Zeit und fürs Teilen deiner Geschichte!


Die Pilates-Anna

Die Pilates-Anna

Bewegung und allem voran Pilates ist für Anna-Maria Breil Lebenselixier. Andere spüren zu lassen, wie viel mehr Freude das Leben mit einem schmerzfreien Körper macht, hat Anna den Mut gegeben, nach fast 30 Jahren Anstellung im Großkonzern den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen.


Wenn Anna nicht gerade im Kursraum steht und für einen gesunden Rücken sorgt, liebt sie Reisen in die Natur mit dem Wohnmobil. Egal, ob nah oder fern. Wenn Wasser dabei ist, ist alles gut. Ganz hoch im Kurs steht der Atlantik in Frankreich.


Annas Herzstück ist ihr einzigartiger Pilates- und Rücken-Ratgeber auf ihrer Webseite und auf YouTube. Schau gerne mal vorbei und schreibe ihr, wenn du eine konkrete Frage hast. Jede Mail wird persönlich beantwortet: kontakt@annamariabreil.de

Über die Autorin

Katja Smigerski ist kreativer Freigeist, Kommunikationsprofi, ausgebildeter Life & Business Coach (IHK) und Hypnotiseurin (TMI).

Die Darmstädterin unterstützt sensible, ehrgeizige Frauen bei ihrer beruflichen Neuorientierung. Ihre Überzeugung: Für einen erfüllten Job braucht es beides, Sinn und eine gesunde Selbstfürsorge.

In diesem Blog teilt sie Erfahrungen, Gedankenanstöße, Expertenwissen und Inspiration, die Impulse für mehr Klarheit, Selbstvertrauen und Umsetzung liefern.

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